3 Leben, 3 Suizide, 3 Geschichten

Vera, Birgit und Evangelos teilen das gleiche Schicksal: Alle drei haben ihren Lebenspartner durch Suizid verloren. Hier brechen sie mit dem Tabu, darüber öffentlich zu sprechen.

Vom ungläubigen Schock, über den verzweifelten Versuch zu verstehen bis hin zum harten Weg zurück zur Normalität.

Von Sophia Luft und Tiemen Glatt

 

 

Mit ihrem Schicksal sind Vera, Birgit und Evangelos nicht alleine. Denn alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Das heißt, statistisch sterben täglich 27 Menschen durch Selbstmord. Und immer bleiben Angehörige zurück – oft ratlos und verzweifelt.

Trotzdem ist Suizid ein Thema, über das in unserer Gesellschaft im Regelfall geschwiegen wird. Es gibt kaum öffentliche Aufklärung oder Informationen darüber. Thomas Schnelzer ist leitender Psychologe der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Neumarkt in der Oberpfalz (Bayern) und hat häufig mit Suizidfällen zu tun. Seiner Meinung nach wird das Thema tabuisiert, weil es ein falsches Verständnis von Suizid in der Gesellschaft gibt.

Viele Menschen verstünden Suizid als eine Handlung aus freien Stücken – als eine selbstbestimmende Lebensbeendigung, wie Schnelzer sagt. Das sei jedoch falsch. Suizid sei immer die Folge einer psychischen Erkrankung: „Suizid ist niemals eine freie Tat, sondern eine unfreie Tat unter dem Leidensdruck einer seelischen Störung.“

Das Verständnis von Suizid als „freie Tat“ hinterlasse bei Hinterbliebenen nach einem Suizid häufig Fragen wie: Wieso wollte jemand aus freien Stücken nicht mehr leben? Bin ich daran schuld? Warum tut jemand mir das auf diese Weise an? Das Resultat daraus: quälende Gefühle wie Scham, Schuldgefühl und Aggressionen. Der Pschologe erklärt: „Keiner möchte mit solchen Gefühlen konfrontiert sein. Deshalb können sich die meisten Menschen in unserer Gesellschaft diesem Thema nicht stellen, und es bleibt tabu.“

Wenn in den Köpfen der Menschen aber klar würde, dass Suizid das Resultat einer psychischen Erkrankung ist, dann kämen auch weniger Scham- und Schuldgefühle auf, erklärt Schnelzer. Und dann könnte auch die Gesellschaft besser mit dem Thema umgehen. Schnelzer wünscht sich deshalb mehr Aufklärung über Suizid und psychische Störungen in der Gesellschaft.

Vera, Birgit und Evangelos haben im Gespräch mit uns das Schweigen über das Thema gebrochen. Unkommentiert schildern sie in unserem Film ihre Geschichten und ihre Gefühle als Hinterbliebene: vom ungläubigen Schock über den verzweifelten Versuch, das Geschehene zu verstehen, bis zum harten Weg zurück zur Normalität. Durch die Hilfe der Selbsthilfeorganisation AGUS haben sie alle ihren Weg zurück ins Leben gefunden.

„Die Gruppentreffen von AGUS haben mir unglaublich geholfen, denn dort hatte ich Kontakt zu Menschen, die genau dasselbe durchgemacht haben wie ich“, erinnert sich Birgit. Bei der Selbsthilfegruppe war sie mit ihrer Trauer nicht allein und konnte mit Menschen reden, denen Ähnliches widerfahren war.

Heute weiß Birgit, wie wichtig der Kontakt für sie war, um nach vorne blicken zu können. Mittlerweile hat sie eine neue Einstellung zum Leben entwickelt: „Ich muss vollständig sein, und daran muss ich arbeiten.“ Sie sei mittlerweile sogar wieder bereit für einen neuen Partner: „Wenn mir jemand über den Weg läuft, der passt, dann freue ich mich. Wenn nicht, dann muss ich eben noch ein bisschen warten.“

HILFE BEI SUIZIDGEDANKEN

Wenn du verzweifelt bist und in einer bedrückenden Lebensituationen keinen Ausweg siehst: Such dir Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagt Psychologe Thomas Schnelzer. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier kannst du auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Beratungsangebote bietet die Selbsthilfeorganisation AGUS, eine Organisation für Trauernde, die einen nahe stehenden Menschen durch Suizid verloren haben. Erreichbar per Telefon unter 0921/1500380 oder unter www.agus-selbsthilfe.de.